Alex' Dschungelgeschichten

hallo ihr lieben!

hab viel zu erzaehlen: vorsicht, das wird wieder ein roman :)

waehrend thomas sich voellig in la paz verliebt hat und dort kaum noch wegzukriegen ist, bin ich also vor drei wochen ohne ihn in den madidi-nationalpark noerdlich von la paz gefahren. diesmal noch als touristin mit bereits erwaehnter, sehr netter, belgierin Jenny. das mit den tourangeboten war gar nicht so einfach.. selbst der lonley planet warnt vor angeblichen "ecotrourism" anbietern, deren werbeflyer den standard "gringo" (wie hier alle weissen genannt werden, waehrend es in chile nur die amis waren) zeigen, der sich die anaconda um den hals haengt und fuers foto post.. was deshalb so aetzend ist, weil es im dschungel hier ohne mind. 50% DEET (ein haessliches zeug) im moskito-repellent nicht geht, was die schlangen dann ueber die haut aufnehmen und eines gruseligen todes sterben. das konnte ich mit meinem gewissen natuerlich nicht vereinbaren und so haben wir nach langer suche schliesslich einen ehrlichen oekotourismus-anbieter gefunden (madidi-travel) und aber auch etwa das doppelte gezahlt (was dafuer aber indigenen gemeinden und der allgemeinen umweltaufklaerung zugute kommt.. hoffentlich!).
der "hop off point" in den madidi nationalpark ist eine kleine stadt namens Rurrenabaque, die am rio Beni liegt und zu der man entweder fuer 130 eu in 50min hinfliegen konnte oder aber 18h bus fuer 12 eu. wir nahmen also den bus, der teile der legendaeren "death road" (camino de la muerte) fuhr, die deswegen so heisst, weil sie etwa in 80km 3000m hoehenunterschied ueberwindet und daher wirklich ultratiefe abgruende aufweist und dann noch so schmal ist, dass permanent autos, busse, lkws verungluecken. es ist aber nur noch ein verhaeltnismaessig harmloser teil fuer autos offen und ansonsten gibt es eine neue, geteerte, zweispurige strasse mit ordentlichen leitplanken, waehrend man die alte strasse nur noch mit dem mountainbike fahren darf..
nun denn, wir kamen puenktlich an, obwohl wir im schnitt wegen der holprigen dirtroad, die den hauptteil der strecke ausmachte, nur 30 gefahren waren..
Rurrenabaque hat nur 5000 einwohner und nichts zu bieten ausser dass es eben so nah am dschungel liegt (vergleichbar mit san pedro de atacama, von wo aus wir in chile die tour zu den geysiren gemacht haben). bloederweise herrschte gerade "sur", ein argetinischer wind, der dafuer sorgte, dass es fast so kalt war wie in la paz: 10, 12 grad.. schnatter!
die fotos aus dem park habt ihr ja schon gesehen. es war wirklich sehr spannend, viele sachen aus vorlesungen hier rumkrabbeln zu sehen. am coolsten war allerdings die geraeuschkulisse nachts. wir schliefen in einfachen holzhuetten (cabañas), die aber (auch im bad) nur moskitogitter als waende hatten, weswegen alles total nah war. licht nachts nur durch kerzen bzw. headlights.
mir gingen die etlichen touren durch den wald bzw. auf die seen manchmal etwas zu schnell (klar, wenn man bioexkursionen gewoehnt ist, wo man alle 3m stehen bleibt), aber trotzdem haben wir sehr viel gesehen, z.b. ein faultier, drei verschiedene affenarten, eine baby-boa constrictor und bei einer sehr aufregenden nachtwanderung riesige spinnen und die leuchtend roten augen der im wasser lauernden caimane (krokodilart), piranjas (wirklich sehr lecker) und natuerlich viele interessante pflanzen. der park gilt als biodiversitaetshotspot in bolivien! insgesamt war es eine sehr coole, aber wenig abenteuerliche erfahrung, weil eben alles so durchorganisiert war.
zurueck die drei stunden im boot den rio beni runter nach rurrenabaque (endlich echtes dschungelklima) waren wir dann abends noch mit zwei deutschen (praktikant und zivi) und der alteingesessenen umweltaktivistin Rosa Maria ein bier trinken. sie war ultrainteressant und hatte ein mordausstrahlung. sie hat vor 12 jahren die gruendung des parkes in die wege geleitet, ist durch die indigenen gemeinden gezogen und hat dort versucht den leuten mit oekotourimus eine alternative zur regenwaldabholzung schmackhaft zu machen.. obwohl sie bestimmt schon 60 ist, zieht sie immer noch durch die waelder und findet im unwegsamen dschungel gebiete, die sich als erweiterung fuer den nationalpark bzw. als ziele fuer oekotouris eignen. zwar, sagte sie schweren herzens, ist illegale abholzung immernoch ein massives problem, aber sie wuerde diese arbeit schon so lange machen, dass sich auch dauernd positive erfolge einstellen.. und sei es nur, dass viele der jugendlichen aus den indigenen gemeinden nun einen job als local guide bekommen und sich viel wissen ueber die biodiversitaet in ihrem lebensraum aneignen und dadurch in ihren doerfern aufklaerung betreiben. leider ist sie im moment nicht akitv, weil sie von einem caiman angegriffen wurde.. schade, ich sah mich schon als volunteer an ihrer seite :)

so, das war also die normalo-touri-easy-dschungeltour.. kaum zurueck aus madidi, traf ich dann spontan die entscheidung nicht mit thomas in la paz zu bleiben (zu kalt, zu chaotisch, zu eng...zu wenig gruen!), sondern nach Cochabamba etwa 300km weitern oestlich weiterzufahren, wo wir per zufall eine deutsch-bolivianische NGO gefunden hatten, die schrieben, dass sie verwendung fuer eine biologin als volunteer haetten. das war donnerstag vor zwei wochen. ich wurde total herzlich in die aus drei deutschen, einem daenen, einem hoellender und einer argentinierin bestehende wg aufgenomen. cochabamba gefaellt mir sehr gut: es gibt kaum touristen, sondern eher viele volunteers, die stadt liegt nur auf 2500m, ist deshalb viel waermer und liegt zwar wie la paz in einem tal, aber es ist kein kessel, weswegen es nicht so eng und versmogt ist.

die ngo beschaeftigt sich mit zwei indigenen voelkern (Yuracaré und Trinitario), die allerdings eine minderheit bilden. in bolivien gibt es 36 indigene voelker (70% der bevoelkerung gehoeren diesen an), von denen die quechua mit 60% und die aymara mit 25% die beiden groessten sind, die ja seit letztem jahr durch evo morales auch in der regierung vertreten werden. urspruenglich sind quechua und aymara ein volk aus den anden, waehrend die yuracare und trinitario ein nomadenvolk im tieflanddschungel bildeten. problem ist, dass seit einiger zeit die quechua und aymara immer weiter in das der gebiet der yuracare und trinitarion eindringen und mit ihren firmen vorstellungen von grundbesitz den y. und t. land abkaufen wollen, was nach deren besitzvorstellungen aber der ganzen gemeinde gehoert. das fuehrt dazu, dass hektarweise land z.b. gegen ein fahrrad oder ein fass diesel fuer den generator getauscht werden..! so sind nun also die indigenen dabei sich gegenseitig zu kolonialisieren. hinzu kommt noch, dass das hauptmotiv der eindinglinge ist, auf dem erworbenen land coca anzubauen und die cocaleros, wie die cocabauern hier heissen, haben hier ein ganz besonders starkes syndikat, weil die gegend (chaparé) auch noch der wahlkreis von evo morales ist und dieser frueher selbst cocabauer war..! coca bringt natuerlich wohlstand und die y.t. werden schwer in versuchung gefuehrt es ebenfalls anzubauen, was sie wiederum in die abhaengigkeit der cocaleros bringen wuerde. das enorme alkoholproblem der y.t. macht es den cocaleros dabei extraleicht..

das projekt (fundacion-delpia.org) setzt bei alternativen verdienstmoeglichkeiten fuer die beiden indigenen gemeinden an. so wird oekoturismus durchgefuehrt, wobei die gemeinde den grossteil des geldes bekommt, wir haben vorletztes wochenende eine bienenzucht gestartet, so dass honig verkauft werden kann, es sollen staelle fuer grosse essbare nager (agoutis) gebaut werden, deren fleisch sich teuer verkaufen laesst. ausserdem werden schulungen zur muellproblematik, durchfuehrung des tourismusprojektes und der problematik mit den cocaleros durchgefuehrt.
ich war also vorletztes wochenende zum ersten mal im gebiet (am rande des isiboro-secure-nationalpark in eine yuracare-gemeinde namens sanandita), wobei wir die letzte stunde im einbaum den fluss hochtransportiert wurden. wiederum tieflandregenwald (allerdings gerade noch bis november trockenzeit). die idee ist, dass das gefuehl der gleichberechtigung aufkommt, weswegen die unterbringung so einfach ist wie die der gemeindenbewohner. daher eine simple bambushuette, palmblattgedeckt, ohne einen einzigen nagel, sowie moskitonetze. sanitaere anlagen gibt es nicht, das klo ist ein loch im boden und befindet sich im dschungel.. besonders nachts eine echte erfahrung, nachdem mir erzaehlt wurde, dass der jaguar ("el tigre") hier keine seltenheit ist.. ganz zu schweigen von den skorpionen, spinnen und schlagen, die ausserdem nachtaktiv sind! unsere erste mahlzeit bestand auch unheimlich salzigem, getrockeneten fisch und umso geschmackloseren, trockenen kochbananen und yuca-chicha..das war wirklich hart! ablehnen ist nicht, das wird als extreme beleidigung aufgefasst.. chicha ist in ganz suedamerika in verschiedenen varianten anzufinden und wird z.b. aus vergorenen, fermentierten trauben in chile hergestellt, was wirklich lecker ist. aber aus yuca schmeckte es ungefaehr wie roher hefeteig und hatte die konsitenz aus schonmalgegessenem porridge.. mmm! ausserdem schwierig war die konfrontation mit dem alkohol: nach dem essen bekamen wir ordentlich eingeschenkt, ich nahm einen herzhaften schluck und musste derart husten.. 90%, mensch,mensch! frauen wird das ja noch nachgesehen, wenn sie nach irgendwas zum mischen fragen, aber der neuseelaender, der als touri mitgefahren war, wurde nur milde belaechelt.
am naechsten tag (zum fruehstueck gabs reisfladen und suessen kaffee) sahen wir dann beim ersten rundgang durch die gemeinde wie der getrocknete fisch von gestern abend hergestellt wird: auf gestellen einfach in der sonne getrocknet, umschwirrt von wespen, voller ameisen.
es fand erstmal eine versammlung im ganz neuen schulgebauede (dem einzigen steinhaus) statt, bei der die probleme besprochen wurden und an der einige der maennder nicht teilnehmen konnten, weil sie noch oder wieder ultrahacke waren und wurden von einigen sehr bestimmten frauen von der runde ferngehalten. die versammlung erschien mir nicht nur daher voellig chaotisch.. saemtliche anwesenden frauen hatten mindestens zwei kleine kinder dabei, die zwischendurch freizuegig gestillt wurden, oft redeten alle durcheindander und verstehen war fuer mich sowieso schwierig, weil neben dem spanisch mit einem ganz eigenen dialekt, das die jesuiten eingefuehrt haben, eben noch yuracare gesprochen wird. wir wurden freundlich und neugierig (besonders von den kindern!) bestaunt und besonders meine dreads waren sehr interessant!
probleme sind vor allem die zuverlaessigkeit z.b. gegenueber den touristen: eben dass ein guide rechtzeitig zur stelle ist und nicht etwa betrunken, dass sich an vereinbarungen gehalten wird und z.b. jeder sein bienenvolk gefunden hat, damit mit der arbeit an der bienenzucht begonnen werden kann usw.. mir wurde klar, was fuer ein geduldsaufwand hier gefordert war.. die leute in der gemeinde haben kaum etwas zu tun. seit sie aus canada aufgrund von ueberschwemmungen in bolivien, von denen die gemeinde aber ueberhaupt nicht betroffen war, reislieferungen bekommen, muessen sie nicht mal mehr reis anbauen. ansonsten wird ein bisschen yuca und mais angebaut, huehner und schweine gehalten und gejagt und gefischt (mit pfeil und bogen!) und waehrend den frauen noch die arbeit mit den kindern und kochen bleibt, betrinken sich die maenner eben. die kinder gehen in die dorfschule bis sie 12 sind und da es keine weiterfuehrende schule gibt, heiraten sie sehr frueh und bekommen kinder. wirklich eine komplett andere welt!! wir liessen uns schon am zweiten tag von der traegheit anstecken und verschliefen den nachmittag, weil es nichts zu tun gab und es derart heiss und schwuel war!
endlich hatte dann einer einen baum mit bienen gefunden. es sind guenstigerweise stachellosen bienen, die innerhalb von baumstaemmen leben, weswegen wir uns doch tatsaechlich kurz darauf auf dem weg in den dschungel befanden, um diesen baum zu faellen (ich, baeume faellend im regenwald, aaahhhh!!). immer Don Lucio mit der axt und machete folgend, der gestern nur noch lallen konnte.. etwas ausgeliefert kam ich mir da schon vor! nuechtern konnte er aber auch allerhand ueber den gebrauch der pflanzen an denen wir vorbeikamen erzaehlen: das benutzen wir zum haarewaschen, das gegen bauchschmerzen, daraus machen wir unsere pfeile usw., sehr spannend!
in nullkommanix hatte er mit krassen schlaegen den baum gefaellt (keiner der langsam wachsenden baumriesen, immerhin..) und wir fanden insgesamt fuenf voelker. man kann sie aber nicht tags umsiedeln, weil sonst eine tagaktive fliege in das volk eindringt und ihre larven dort parasitieren.. also kamen wir wieder des nachts.. don lucio aber wieder sternhagelvoll, so dass wir kaum die stelle wiederfanden, grrrrr! immerhin irgendwas auf die reihe bekommen in den vier tagen, die wir dort waren.
am zweiten abend bekamen wir die brisanz der problematik der vor der tuer stehenden cocaleros dann richtig zu spuehren: eine delegation kam mit einem riesenfass mais-chicha (schmeckt ein bisschen wie dickfluessiger aeppler) und einem haufen cocablaetter zum kauen (was man generell in bolivien sehr haeufig sieht.. man kann sich sogar in kneipen eine hand voll blaetter bestellen), um ein paar landfragen zu diskutieren. Alan, bolivianischer mitbegruender des projekts und biologe (bienenexperte) wies sie in ihre schranken, aber dennoch gab es eine fiesta im schulhaus. musik per dieselgnerator und insektenumschwirrtes licht. ich fand mich schnell im kreise betrunkener yuracarefrauen wieder, die sehr anhaenglich waren und von denen eine mir interessanterweise ihre beziehungsprobleme darlegte: valeria ist seit sieben jahren mir ihrem mann (juanito) zusammen, aber sie ist nur seine geliebte und sie haben noch keine kinder, obwohl sie schon 23 ist. es mache sie wirklich fertig! wenn er sie nur endlich heiraten wuerde, dann bekaeme sie bestimmt welche!
am letzten tag, nachdem ich zwei piranjas und yuca-chicha zum fruehstueck runterwuergen musste, war ich dann doch irgendwie erleichtert, dass wir nun fahren wuerden.. was fuer krasse lebensbedingungen!! wenn hier der bereits erwaehnte sur herrscht, dann sterben die kinder auch schon mal an erkaeltung und es gibt derart viele parasiten, die alles moegliche uebertragen. die menschen haben mit 30 kaum noch zaehne, trinken das dunkelbraune wasser aus dem see an dem sie leben (in dem man aber nicht schwimmen kann, weil er vor caimanen wimmelt), behausungen sind pfaehle mit palmendach und eine pritsche. und dann sind sie auch noch wegen der eindringenden cocaleros vom aussterben bedroht.
naechstes WE fahre ich nochmal hin.. mal sehen wie der zweite eindruck wird. nach dem ersten oktoberwochenende fahren thomas und ich dann zusammen weiter nach osten nach santa cruz. dort werden wir auf einer biofarm arbeiten.

soweit... hoffe natuerlich, es geht euch allen gut und ihr hab eine schoene zeit!! ueber mail freue ich mich wie ein schneekoenigin :)

herzallerliebste gruesse,
Alex











Keine Kommentare: